Schweizer Kreislaufwirtschaft: Umsetzung stockt

Nur 15 Prozent der Firmen erzielen mehr als 10 Prozent des Umsatzes mit zirkulären Produkten (2020: 12 Prozent). Foto: Juan Cruz Mountford / Unsplash
Nur 15 Prozent der Firmen erzielen mehr als 10 Prozent des Umsatzes mit zirkulären Produkten (2020: 12 Prozent). Foto: Juan Cruz Mountford / Unsplash

Schweizer Unternehmen entdecken die Kreislaufwirtschaft rasant – zumindest auf dem Papier. Während bereits 27  Prozent die Kreislaufwirtschaft spürbar im Geschäftsmodell verankern, setzt erst rund jedes zehnte Unternehmen die Wende wirklich breit um. Investitionen und Umsatzanteile mit Bezug zur Kreislaufwirtschaft bleiben zurück. Das zeigt der «Statusbericht der Schweizer Kreislaufwirtschaft» der Berner Fachhochschule und der KOF.

«Die Entwicklung auf strategischer Ebene ist sehr dynamisch, das ist positiv und zeigt, dass das Konzept der Kreislaufwirtschaft bei Unternehmerinnen und Unternehmern zunehmend etabliert ist», sagt Co-Autor Tobias Stucki vom Departement Wirtschaft der Berner Fachhochschule. «Aber die Schweiz bleibt an der Oberfläche, noch fehlt die Tiefe. Im aktuellen geopolitischen Umfeld, in dem Lieferketten zunehmend unberechenbar werden, wäre es wichtig, mit Ressourcen zunehmend effizienter umzugehen.»

Die Vorreiter der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz sind gemäss der vorliegenden Studie Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden. Sie haben im Schnitt die Kreislaufwirtschaft schon zu 54 Prozent strategisch verankert, bei mittleren Unternehmen sind es 39 Prozent, bei Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden 23 Prozent. Auch bei den anderen drei Indikatoren (Investitionsanteil, Umsatzanteil und Anzahl Aktivitäten) schwingen die grossen Unternehmen obenaus. Über alle Unternehmen hinweg werden besonders oft auch Aktivitäten im Bereich des Energieverbrauchs oder der Nutzung erneuerbarer Energiequellen umgesetzt.

«Im Vergleich dazu sind Aktivitäten im Bereich der Lieferkette oder der eingekauften Rohstoffe deutlich seltener. Dies wohl deshalb, da deren Umsetzung meist komplexer und oft von externen Partnern abhängig ist», sagt Co-Autor Martin Wörter von der KOF.  «Im Durchschnitt der Unternehmen steht die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft derzeit nur dann in einem positiven Zusammenhang mit der Umsatzproduktivität, wenn sie gleichzeitig die Effizienz des Unternehmens steigert.» Aus Umweltperspektive ist die Kreislaufwirtschaft aber zentral. Die Studie zeigt denn auch, dass sich die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft positiv auf die Umwelteffekte der Unternehmen auswirkt.

Grosse Unterschiede zwischen Branchen und Regionen
Zwischen den Branchen zeigen sich grosse Unterschiede: Keine Branche schneidet bei allen Indikatoren durchgängig gut ab. Generell eher stark bei der Umsetzung von Aktivitäten im Bereich der Kreislaufwirtschaft sind Branchen wie Telekommunikation, Elektronik und Medizinaltechnik. Andere – etwa Bau, Immobilien oder persönliche Dienstleistungen – stehen noch am Anfang der Transformation.

Auch regional besteht eine erhebliche Streuung: Bei der strategischen Verankerung liegen Unternehmen in der Zentralschweiz (35 Prozent) und Ostschweiz (30 Prozent) vorne, das Tessin (16 Prozent) bildet das Schlusslicht. Bei Umsatzanteilen im Bereich Kreislaufwirtschaft von mehr als 10 Prozent bildet dagegen das Tessin (16 Prozent) zusammen mit der Zentralschweiz (19 Prozent) und der Ostschweiz (21 Prozent) das Spitzentrio.

Download der Studie

Kreislaufwirtschaft 

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell, das eine ressourcenbasierte und systemische Sichtweise einnimmt und der Gesellschaft dazu dient, das Wohlergehen innerhalb der planetaren Grenzen zu erreichen. Ziel der Kreislaufwirtschaft ist die Gestaltung eines Systems, in dem die Menge der benötigten Ressourcen klein gehalten wird. Diejenigen Ressourcen, die genutzt werden, sollen wiederkehrend genutzt und in möglichst geschlossenen Kreisläufen verwendet werden. Güter und Dienstleistungen werden mit erneuerbarer Energie produziert und sind aus Materialien hergestellt, die eine sichere Entsorgung der unvermeidlichen Abfälle gewährleisten.

 

Gesetzliche Einbettung

Die Kreislaufwirtschaft in der Schweiz ist vom Bund seit dem 1. Januar 2025 verankert. Mit der Teilrevision des Umweltschutzgesetzes wurde die Kreislaufwirtschaft explizit ins Gesetz aufgenommen. Im Zentrum stehen Ressourcenschonung, Verlängerung von Produktlebenszyklen, Produzentenverantwortung und Wiederverwendung gegenüber der bisherigen Fokussierung auf Abfallmanagement. Als wegbereitend für das Engagement des Bundes gilt das Postulat Noser (externe Seite 18.3509), das im Jahr 2018 eingereicht wurde.

 

Auch Kantone setzen klare Zeichen, allen voran Zürich. Im September 2022 wurde vom Volk mit einer Mehrheit von 89 Prozent ein neuer Verfassungsartikel angenommen. Basierend darauf hat der Zürcher Regierungsrat 2024 eine umfassende Kreislaufwirtschaftsstrategie verabschiedet, die nun schrittweise umgesetzt wird. Der Kanton Bern hat 2023 die Förderung der Kreislaufwirtschaft in den Regierungsrichtlinien und der Innovationsförderung verankert und im Frühjahr 2025 einen neuen Sachplan Abfall verabschiedet, in dem die Kreislaufwirtschaft zentrales Ziel ist. Der Kanton verpflichtet sich, Materialien so lange wie möglich im Umlauf zu halten sowie gezielt Recycling im Bau- und Abfallbereich zu fördern. Weitere Kantone wie Basel-Stadt, Genf, Freiburg, Wallis und Waadt setzen in ihren Nachhaltigkeitsstrategien bereits Teilaspekte der Kreislaufwirtschaft um.