Städte als Rohstoffdepots

 Als digitales Flächenerfassungstool ermöglicht der Urban Mining Screener eine schnelle Abschätzung der verbauten Materialien für Gebäude, Portfolios und ganze Städte. Foto: Madaster Germany
Als digitales Flächenerfassungstool ermöglicht der Urban Mining Screener eine schnelle Abschätzung der verbauten Materialien für Gebäude, Portfolios und ganze Städte. Foto: Madaster Germany

Über 500  Millionen Tonnen Baurohstoffe verschlingt die deutsche Baubranche jährlich für Gebäude und Infrastruktur1. Zugleich gilt sie als Hauptverursacher von Abfall. Um dem entgegenzuwirken, hat sich die bayrische Landeshauptstadt München im Rahmen ihrer Zero Waste Strategie auf einen innovativen Weg begeben. Ihr Ziel: eine Baustoffbibliothek für München zu etablieren. Als ein zentraler Baustein schafft sie Transparenz über die materielle Zusammensetzung von Gebäuden und hilft, zukünftige Materialströme im Gebäudesektor realistisch zu prognostizieren und im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wieder einzusetzen. Erstellt wird der Pilot eines Gebäudematerialkatasters von der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer und Madaster Germany. Damit wurden bereits rund 7’500 Gebäude im Münchner Stadtteil Feldmoching-Hasenbergl ausgewertet.   

Betonwände, Holzbalken, Ziegelsteine: Unsere Gebäude und Straßen stecken voller Rohstoffe, die beim Rückbau bisher als Abfall enden oder nur in Teilen minderwertig verwertet werden: Alte Ziegel werden zur Strassenfüllung, Fensterglas zu Flaschen und Holzrahmen zu Pellets. «Ein Wiedereinsatz in gleicher Güte und Qualität findet in Deutschland bisher kaum statt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass wir oft gar nicht wissen, was in unseren Gebäuden steckt», erklärt Matthias Heinrich, Experte für Urban Mining bei der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, entwickelte die EPEA GmbH gemeinsam mit Madaster Germany das digitale Tool Urban Mining Screener, das eine schnelle und fundierte Materialanalyse ermöglicht. «Aus wenigen Eingangsdaten wie Baujahr, Bauort und Gebäudetyp lassen sich damit erste Abschätzungen zur Materialzusammensetzung von Gebäuden und ganzen Stadtteilen ableiten. Als Ergebnis entsteht ein Gebäudematerialkataster, das Transparenz über die verbauten Ressourcen und deren zirkuläre Potenziale schafft», ergänzt Sarah-Caitleen Sauer, Head of Public Sector & Architecture bei Madaster Germany. Dabei werde nicht nur das verbaute Material systematisch erfasst, sondern auch, in welchen Mengen und wie viel davon bei Rück- oder Umbau wiederverwertbar ist.

München als Vorreiter für Urban Mining
Ressourcen schonen und Abfallmengen reduzieren – diese Ziele verfolgt auch die Landeshauptstadt München im Rahmen ihres Zero Waste Konzepts. Bis 2035 will die bayerische Metropole die Abfälle aus Münchner Haushalten um 15 Prozent und die Restmüllmenge um 35 Prozent verringern2. Das Konzept umfasst über 100 Massnahmen in verschiedenen Bereichen, darunter auch den Bausektor. In der dort beschriebenen «Baustoff-Bibliothek für München» stellt die Erprobung eines Materialkatasters einen wichtigen Meilenstein dar, um die Massnahme zu prüfen und Möglichkeiten der Nutzung von Gebäudekatastern zu erproben.

Der Behörde für Klima- und Umweltschutz der bayerischen Landeshauptstadt zufolge verbraucht München jährlich rund 47 Millionen Tonnen Rohmaterialien, davon rund 60 Prozent allein im Bauwesen und in der Infrastruktur. «Bau- und Abbruchabfälle machen einen erheblichen Teil des Abfallaufkommens in München aus. Daher sehen wir hier das grösste Potenzial, den Ressourcenverbrauch signifikant zu senken. Das Gebäudematerialkataster, das in Zusammenarbeit mit EPEA und Madaster Germany entsteht, bildet dafür eine wichtige Grundlage», erklärt die Zero Waste Fachstelle. Die bayerische Landeshauptstadt zählt damit zu den ersten Städten in Deutschland, die einen Gebäudematerialkataster pilotiert und erprobt haben.

Pilotprojekt zeigt zirkuläres Potenzial
In einem Pilotprojekt wurde in Zusammenarbeit mit der Zero Waste Fachstelle der Landeshauptstadt München und dem GeodatenService München im Kommunalreferat das digitale Tool Urban Mining Screener erfolgreich erprobt. Das Ergebnis ist das erste Gebäudematerialkataster für den Stadtteil Feldmoching-Hasenbergl, das künftig flexibel erweitert und auf weitere Stadtgebiete übertragen werden kann.

Insgesamt haben die Experten von EPEA und Madaster im Stadtteil Feldmoching-Hasenbergl rund 7’500 Gebäude analysiert. Die Auswertung zeigt, dass im untersuchten Gebiet aktuell mehr als 4,4 Millionen Tonnen Beton, über 200’000 Tonnen Metalle sowie zahlreiche weitere Baustoffe verbaut sind. Diese im Gebäudebestand gebundenen Materialien stellen ein bedeutendes urbanes Rohstofflager dar und werden künftig eine zentrale Rolle für die nachhaltige Rohstoffversorgung der Region München einnehmen.

«Die Erfassung der Materialien ist nur der erste Schritt. Nun gilt es, dieses Lager systematisch im Rahmen eines vorausschauenden und nachhaltigen Stoffstrommanagements zu bewirtschaften und dabei die CO2-Emissionen, den Rohstoffverbrauch und das Abfallaufkommen weitestmöglich zu reduzieren», betont Heinrich.

Im weiteren Projektverlauf sollen die Ergebnisse und Erkenntnisse innerhalb der Landeshauptstadt München vorgestellt und diskutiert werden. Vorstellbar wäre, dass die Erkenntnisse weitere Projekte aus der Münchner Kreislaufwirtschaftsstrategie wie das EU-Projekt Circular Construction Finance, kurz CirCoFin, oder die Urban Mining München Initiative zur Erhöhung des Recyclinganteils in der Stadt, kurz UMMI, ergänzen. Das Zero Waste Konzept und die Münchner Kreislaufwirtschaftsstrategie bieten zusammen innovative Lösungsansätze für kreislaufgerechtes Bauen und die Verringerung von Abbruchabfällen.

Quellen:
1. Umwelt Bundesamt: Die Nutzung natürlicher Ressourcen. Ressourcenbericht für Deutschland 2022, S. 59.
2. Zero Waste Konzept für die Landeshauptstadt München. Gesamtkonzept|08.06.2022